Montag, 15. Juni 2015

Grillen mit Schweizer Ak´zent

Vorab nur kurz: Es soll im heutigen Beitrag NICHT um fleuchendes Krabbelgetier mit heimischem Dialekt gehen. Nicht vordergründig zumindest – immerhin kommen auch die kreuchenden Insekten nicht zu kurz (aber sie kommen auch nicht gut weg, Mundart hin oder her). Es geht um das Grillieren nach Zürcher Art.

Dem „gemeinen Zürcher“ seine Religion ist das Grillieren, sein Tempel ist der Grill (vom kleinen Einmal-Taschengrill bis hin zum balkonfüllenden Profigerät – alles ist erlaubt), dem Gott des Brutzel-Kultes wird alles geopfert und dargeboten, was die (hoffentlich zumindest) regionalen Schlachthöfe und der private Kühlschrank so hergeben. Saison ist immer. (Mindestens aber von März bis Oktober) Einen Anlass gibt es ebenfalls jederzeit.

Warum man „grillieren“ sagt? Ist eben so. Es heißt auch „parkieren“. Nicht etwa „parken“. Wir haben das begriffen und akzeptieren das. Wir haben es verinnerlicht. Wir hinterfragen es nicht mehr oder WENN - DANN nur im Kontext dieses Textes mit „multi-nationaler“ Zielgruppe.

Im Zuge dieses Akts der Auto-Integration (so nenne ich es mal, dass wir verstärkt versuchen, nicht mehr ganz so negativ als verhasste „Deutsche“ aufzufallen) haben wir es also am Samstag gewagt, und im familiären Kreise (Papa, Mama, das doppelte Mäusezähnchen) das Tempel-Ritual im Garten eröffnet.

Als ich unsere Wohnung vor eineinhalb Jahren (wenige Wochen vor der Geburt der beiden Mäusezähnchen) das erste Mal sah – man muss wissen, mein Mann war schon ein halbes Jahr zuvor ins grillierende Ausland vorgezogen, um seiner Frau, die zu dem Zeitpunkt schon 6 Arme, 6 Beine, 3 Köpfe und 3 Herzen ihr Eigen nannte, ein heimeliges Nest zu bauen – erkannte ich allen Ernstes den okkulten Stein-Tempel in unserem Garten NICHT als Grill. Ich fragte mich, leicht irritiert, welcher Sekte die Vormieter wohl angehört hatten und was sie in ihrem / unserem Garten unter dem Schein des Vollmondes schon so an diversen "Ritualen" praktiziert hätten.

Vergangenen Samstag war also DAS Datum (im Inka-Kalender nachzuschlagen) und es
 sollte demnach auch bei uns so weit sein. Nach Beschaffung (Schwyzerdütsch: "poschten") des zu opfernden, geweihten und bereits toten Fleisches, wurde erstmal der Opferstein ordentlich eingeräuchert. Und nicht nur der: Der Opferstein, der sakrale Tempel-Garten, die heilige Familie inklusive der Mäusezähnchen - die ordentlich was zu staunen hatten – war es doch ihr erstes Feuer-Zeremoniell, dem sie hautnah beiwohnen durften.

Eingeräuchert wurden übrigens auch die Nachbarn, die wir – neben all den bösen Geistern – sicher ebenfalls mit diesem „Reinigungs-Ritual“ ausgetrieben haben. Jedenfalls schloss sich ein Fenster nach dem anderen und alle Balkontüren über uns gingen zu – bestimmt hat dieser Teil des Integrationsaktes unsererseits schon bestens funktioniert, um uns bei den „Einheimischen“ beliebter zu machen…

Gegen 20.00 Uhr resignierte mein Mann, der Papa der Mäusezähnchen endlich. Er kapitulierte vor der Macht des Feuergottes, der sich einfach nicht rufen ließ – von uns Deutschen doch nicht!!! – und raste in letzter Minute noch zum „Jumbo“, Grillanzünder holen. (Ich hatte dazu schon beim Einkauf drei Stunden zuvor geraten, aber in alter Steinzeitmenschen-Manier war mein Mann der Überzeugung, den Feuergott allein durch seinen zündenden Funken beschwören und betören zu können.

Ich überspringe an dieser Stelle einige Stunden des anstrengenden und mühseligen Feuertanzes um die kalte Grillschnecke herum und darf freudig verkünden, dass die erste Bratwurst um 22.15 Uhr verspeist werden konnte. (Und zwar von meinem Mann. Den Kindern stieg nämlich bereits gegen 20.30 Uhr die ewige Vorfreude so zu Kopf, dass sie schnellstens in Bett gebracht werden mussten und ich persönlich hab´s bekanntlich nicht so mit der Zubereitung und dem Verzehr von "Leichenteilen". Auch nicht bei so einem spirituellen, nächtlichen Opferritual wie dem Unseren.)

Mein „Fleisch des Waldes“ in seiner Aluschale war zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal lauwarm, geschweige denn grilliert, so dass ich es kurzerhand – keiner hat´s gesehen – im Backofen übergrillte (was einer Hostienschändung gefährlich nahekommt) und mir dann stilecht in der Nähe der Glut (die nach drei Stunden inbrünstiger Gebete endlich beharrlich vor sich hin glomm) einverleibte.

Zu so später Stunde gesellten sich dann auch Fledermäuse, Kröten, Eidechsen, Spinnen und manch andere ungebetene Gäste zu uns, so dass ich die transzendente Erfahrung des Weiteren dann lieber durch die sichere Glasscheibe der Küchentür mit meinem Mann teilte. Er fand das weniger romantisch – saß er doch mittlerweile ganz alleine an der Feuerstelle (so wie damals in der Steinzeit), aber ich hatte auch drinnen genug zu tun mit den Mücken und Waldkakerlaken (die ihren Verwandten, den Indikatoren für unhygienische Zustände, verblüffend ähnlich sehen), die mir ins Innere gefolgt waren.


Ich hatte es bereits mehrmals erwähnt. Ich lasse weder gerne für mich töten (weder Schweine, noch Rinder, noch Fische, noch Rehe, noch Hühner, noch Menschen), noch morde ich selbst – wenn es nicht unbedingt sein muss. (Ich weiß, es geschieht oft genug aus Bequemlichkeit, Unumgänglichkeit oder Inkonsequenz – Mücken und *Exfreunde sind da ein gutes Beispiel bei mir. Daher möchte ich mich gar nicht als Moral-Apostel aufspielen hier). So versuchte ich, die Waldkakerlake (sie ist völlig harmlos für Menschen, Lebensmittel & Co, aber ich kann sie trotzdem nicht leiden!!!) mit dem Glas-Trick zu beseitigen. Ihr wisst schon: Glas drüber, Postkarte drunter, wieder hinaus tragen.


Was dann passierte, tut mir wirklich unendlich Leid und immer noch in tiefstem Herzen regelrecht weh. Der wunderschöne Abend endete mit einer grausigen Enthauptung (der Waldkakerlake). Ich war zu langsam mit meinem Glas und trennte dem armen Tier tatsächlich zielgenau den Kopf ab. Der Schwyzer Grillier-Gott  war not amused ob meines Zucchetti-Opfers (für die Deutschen/Österreicher unter uns: Zucchini) aus dem Backofen, das kam einem doppelten Betrug nahe und er forderte auf SEINE Art doch noch ein Lebewesen von mir.

Wie ich mit dieser / meiner „Tat“ nun seelisch fertig werden soll und wie ich die Erinnerung an die dahinscheidende „Kaki-Laki“ (ich nenne sie so, denn wenn man Tiere, vor denen man sich gruselt "domestiziert, sollen sie an Schrecken verlieren), deren Innereien zum Hals herausquollen, während der Kopf mit den Fühlern noch am Zappeln war und der abgetrennte Rest sich krümmte, jemals verdrängen soll – bleibt wohl mein Problem. Außerdem komme ich sicher in die Hölle deswegen, sowas ist bekanntlich ganz schlecht fürs Karma.


* war nur Spaß, ihr kennt mich doch! (dafür bin ich viel zu feige)