Montag, 1. Juni 2015

Ratgeber – gut, um sich schlecht zu fühlen


Ja, ich gebe es zu. Auch ich habe mehr oder weniger heimlich diesen „laufenden Meter“ Gebrauchsanweisungen fürs Kind im Giftschrank stehen. Man möchte ja nichts falsch machen. Und mitreden können. Und sich nachher nicht vorwerfen lassen, man hätte sich nicht informiert.

Über die Frage, ob dieses Sammelsurium an (pseudo-)pädagogischer Literatur nun hilfreich ist im Umgang mit dem Wertvollsten, was wir überhaupt kennen – unseren Kindern nämlich – lässt sich, wie über alles andere erfahrungsgemäß auch, vortrefflich streiten.

Meine persönliche Einschätzung (die ich während meines etwa 22-monatigen Studiums der in der oben genannten Lektüren gewinnen konnte) lautet eindeutig: JEIN!

Auf der einen Seite mag es für die besorgte Mutter, die mehr oder weniger neu im Business – im Mami-Business – ist, durchaus von Vorteil sein, wenn sie liest, dass jede ihrer Fragen (die sie sich vielleicht nie zu fragen traute) und zwar vom sehnlichen Babywunsch bis zur dringend nötigen Abnabelung vom 35-jährigen Mutter-Söhnchen, bereits schon so oder so ähnlich gestellt und behandelt wurde.

Auf der anderen Seite kommt man als geplagte und gestresste Mutter auch irgendwann an den Punkt, wo man zwar sein eigenes Bett vor lauter Bücherstapeln: „Wie sag ich´s meinem Kind?“ und „Was will mein Kind mir damit sagen?“ und „Die Ruhezeiten sind von 20.00 Uhr – bis 8.00 Uhr, liebes Baby!“ sowie „Tausendundein Rezept – nur für MEIN Kind ist nichts dabei“  nicht mehr findet, aber trotzdem einsehen muss, dass selbst der modernste und schlaueste Pädagoge vor genau dem eigenen, brandaktuellen Problem kapituliert.

Im ersten Fall hat der Konsum der Ratgeber eine Art Selbsthilfegruppen-Charakter, anonymer Natur (noch diskreter als die AA sogar), im zweiten Fall bewirkt er eine deprimierte und verzweifelte Resignation, ein Gefühl, dass einem dann wohl keiner mehr helfen kann, wenn hier nicht mal mehr die Super Nanny weiter weiß… Man fühlt sich alleingelassen. Und zwar total.

Was einen richtig wütend machen kann ist, dass die meisten Leitfäden zwar im Titel und auf dem Waschzettel (also der Rückseite vom Buch) mit konkreter Hilfe oder Abhilfe (je nachdem, worum es geht) locken und prahlen, dann aber auf den 576 Seiten dazwischen nur steht, wie es NICHT geht.
Was man auf KEINEN FALL tun sollte. Womit man sein Kind nahezu seelisch misshandelt. Was die schwerwiegenden psychischen Konsequenzen sind, mit denen man bei dieser und jener NICHT ANZUWENDENDEN Erziehungsmethode beim jungen Erwachsenen (der einst das zu erziehende Kind war) rechnen muss…

Diese Ratgeber pfeffert man dann reichlich verunsichert, um kein Stück weiser als zuvor, in die Ecke, schämt sich eine Runde für die Gedanken und Ideen, die einem zuvor spontan und intuitiv zur Sache gekommen wären – gut, dass man sie noch nicht am „lebenden Objekt“ ausprobiert hat, sondern zuvor die Professoren und Doktoren zu Rate gezogen hat!!! – und fühlt sich, als wären einem Hände und Füße gebunden und man zudem noch vom Leitfaden höchstpersönlich geknebelt worden, nur ja nichts Verkehrtes zu seinem Sprössling zu sagen.

Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist – ich wohne, seitdem ich Mutter bin bzw. seit einem Monat bevor die beiden besten Mädchen der Welt vor 15 Monaten das Licht derselben erblickten, in der wunderschönen Schweiz.  Von daher kann ich nur von „hier“ (und sowieso wie immer nur von MIR) berichten:

Der GOTT der Schweizer Pädagogen, Erzieher, Hebammen, Lehrer, Mütter-und Väterberaterinnen (gibt es so etwas in Deutschland überhaupt?), Kinderärzte und Co heißt: REMO H. LARGO. In keinem (keinem!) Haushalt darf sein Werk „Babyjahre“ fehlen. Unglaublicher Weise gehört dieses Nachschlagwerk sogar zum regulären "Migros"-Sortiment! Wie es um „Kinderjahre“, „Jugendjahre“ und die anderen Bände des gleichnamigen Autors bestellt ist, kann ich (noch) nicht beurteilen. Ja, naja – darf ich hier eigentlich Rezensionen abgeben, so in aller Öffentlichkeit? Ich tu´s einfach mal. Ich persönlich (!) meine: Kann man kaufen/lesen, muss man aber nicht.

Ich selbst LIEBE ja diese „Elternbriefe“ (Herausgeber: Pro Juventute), die in der Schweiz vielerorts als Geschenk von den Gemeinden oder anderen Institutionen abgegeben und im ersten Lebensjahr des Kindes monatlich, danach in etwas größeren Intervallen den glücklichen Eltern gratis zugeschickt werden. Sie sind kurz, knapp und knackig, nett illustriert, befassen sich jeweils mit genau dem Alter und den Entwicklungsschritten des eigenen Kindes und haben irgendwie einen ganz eigenen Charme. Ich weiß nicht, ob sie mein Leben (oder das meiner Kinder) nachhaltig verbessern, aber ich lese sie gerne! Und ich sortiere sie sogar sorgsam in den dafür vorgesehenen Sammelordner. (Gibt es Vergleichbares eigentlich in Deutschland???)

In meinen Regalen (und Stapeln vor dem Bett) haben sich natürlich noch haufenweise anderer Nachschlagwerke angesammelt. Vom Hebammen-Wissen über die Kugelzeit und die Brutpflege, über die Besonderheiten im Zusammenhang mit dem doppelten Glück (wie es uns ereilt hat), über die sogenannte „Erst-Ausstattung“ (wie zu jedem Stichwort hier, könnte ich SEITENWEISE über Sinn und Unsinn berichten), medizinischer Beistand zur Pannenhilfe, spezielle Pflegehinweise (nur Handwäsche!) und Fütterungsempfehlungen (völlig für die Katz´ - is(s)t ja sowieso jedes Kind anders!), Phasen und Sprünge (absolutes Reizthema!!!), das Trotzalter (*seuuuuuuufz*), populäre psychologische Bestseller (hier hab ich Jesper Juul zu meinem Liebling erkoren, auch wenn ich seine „Hilfestellungen“ nicht immer konkret genug finde) und, und, und, und, und…

In Manches habe ich nur mal kurz reingelesen, anderes aufmerksam durchgeblättert. Das eine Buch von der ersten bis zur letzten Seite verschlungen, das andere gleich nach den ersten fünf Sätzen wieder ad Acta gelegt. Den einen Ratgeber habe ich verinnerlicht, den anderen sofort der Altpapierverwertung zugeführt. Aus dem Einen zitiere ich, den anderen ziehe ich durch den Schmutz.
Ihr wisst, was ich meine….

Mein Fazit? Was soll ich sagen? Die Kinder halten sich sowieso nie daran, was in ihren Gebrauchsanleitungen steht! Und: Wir machen das schon alle halbwegs richtig so, zumindest hoffe ich das sehr!