Montag, 25. Mai 2015

Das tut weh!

Es geht heute um ein sensibles Thema, nahezu ein Tabu in unserer Gesellschaft.
Die Rede ist vom gerne totgeschwiegenen, mütterlichen Masochismus.
(Anti-Diskriminierungs-Autokorrektur: elterlicher Masochismus)
Noch nie davon gehört? Mag sein. Ich auch nicht. Aber es MUSS ihn geben. Der Beweise sind viele und andernfalls fällt mir absolut keine logische Erklärung dafür ein, warum die Menschheit noch nicht ausgestorben ist, sondern sich seit tausenden von Jahren – mehr oder weniger freiwillig (heutzutage mehr freiwillig) mit der Produktion und Aufzucht des Nachwuchses herumärgert. Herumschlägt. Beschäftigt. Vergnügt.


Die zartbesaiteten, empfindlicheren Gemüter und Seelen unter euch (es KANN sich also nicht um Mütter handeln) bitte ich explizit, an dieser Stelle jetzt und sofort das Lesen einzustellen. Am besten auch jene, die noch von der Familiengründung träumen. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Es wird sehr blutig werden!

Sprechen wir zum Beispiel von mir. Ich habe einen Prinzessin Lilli Fee-Ohrwurm, der mir fast den Verstand raubt und einen blauen Zeh, der mich noch vor vier Wochen kaum einen Schritt ohne schmerzverzerrte Gesichtszüge gehen ließ.

D
er nerv-tötende Ohrwurm kommt vom neuen Mittagsschlaf-Ritual der Mäusezähnchen, der Bluterguss (fällt der Zehennagel ab? Bleibt er dran? Es bleibt spannend…) kommt von einer Teeflasche, die mir vor einem knappen Monat Mäusezähnchen 2 aus Jux und Tollerei und beachtlicher Höhe auf den Fuß fallen hat lassen. Fallen hat lassen ist nicht korrekt. Ich neige dazu, die besten Mädchen der Welt in Schutz zu nehmen. Richtig ist: Geworfen hat. Voller Freude.
Unsere heimliche Neigung zeigt sich schon in den aller frühesten Anfängen unserer Mutterschaft. War der Zeugungsakt in wenigen Fällen eventuell noch schmerzfrei (siehe Blümchen-Sex), lassen die Beschwerden danach nicht allzu lange auf sich warten. In der Regel (Hahaha, was für eine grandiose Wortwahl in ausgerechnet diesem Zusammenhang! Dabei ist die Regel für die nächsten 9 – 20 Monate  garantiert das Einzige, was uns nicht mehr quält) beginnen die kleineren und größeren Wehwehchen doch schon nach wenigen Tagen, steigern sich von Schwangerschaftswoche zu Woche und finden ihren fulminanten Höhepunkt in der Geburt. (Das sind dann schon keine Wehwehchen mehr und die Art der Niederkunft – natürlich oder chirurgisch oder wie in meinem Fall: halb/halb – spielt eine eher untergeordnete Rolle auf der Schmerz-Skala.)

Nachdem ich darauf bereits in einem meiner vorherigen Beiträge detailliert eingegangen bin, werde ich dieses Thema nun großzügig überspringen, auch um keine alten Wunden aufzureißen. (Was bin ich heute wieder eloquent!). Wer mehr darüber erfahren möchte, darf sich jederzeit vertrauensvoll an mich wenden. (Hier ertönt nun aus dem OFF meine dreckige Mörder-Lache.)

Ja, es tut so gut, wenn der Schmerz nachlässt. Aber die Freude über die allmählich wieder verheilenden, unteren weiblichen Organe währt nur kurz. Bald schon ziehen andere Genüsse einher, steinharte, heiße Knubbel in den Brüsten, flammende, weil überbeanspruchte Brustwarzen, Penetration des Trommelfells durch 3-Monatskolliken (ist überholt diese Theorie – ich weiß; Die Reizüberflutung des Neugeborenen oder „Das fehlende vierte Trimester“ hört sich aber im Ausdruck durch kindliches Dauergebrüll auch nicht besser an), Folter durch permanenten Schlafentzug, das Ende der Sexualität im Besonderen (spätestens jetzt) und Paarbeziehung im Allgemeinen – man sieht nach und nach ein, dass die bisher sogenannten „Grundbedürfnisse“ weit überschätzt wurden.
Ich gehe davon aus, dass es sich bei Einlings-Müttern ähnlich verhält, entbehre allerdings jeglicher Erfahrung hierzu, da uns das Glück (die Schmerzen, die Anstrengung, die Angst, die (Über-) Beanspruchung und Co) gleich doppelt ereilte(n).
Man möchte meinen, nach den ersten durchgestandenen Monaten wäre man schmerztechnisch aus dem Gröbsten raus. Leider weit gefehlt, liebe Freunde. Nun beginnen sich unzählige Stunden maternaler, gekrümmter Haltung beim Säugen des Nachwuchses, sowie das endlose Herumtragen und Heben desselben langsam im Rücken bemerkbar zu machen. (Zwillinge? Kinder in nahem Altersabstand? Einfach die Stundenzahl mit dem Faktor 1,5 bzw. 2 multiplizieren.)
Und bisher - meine lieben Eltern, Noch-Nicht-Eltern und Niemals-Eltern-Werden-Wollende – bisher war das alles passiv von der Leibesfrucht, respektive vom Kind, verursachter Schmerz! Mehr oder weniger passiv. Das Kind hat zumindest (noch) nichts davon willentlich oder gar absichtlich hervorgerufen. Aber wartet nur! Das kommt früher noch als es euch lieb ist.
Spätestens im Laufe der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres werdet ihr um zahlreiche Haare ärmer, dafür aber Kratzer, Bisse und Erfahrungen reicher aus eurer Mutterschaft (Elternschaft) hervorgehen. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker – so lautet die Devise! Und glaubt mir, die kleinen Engel finden zielsicher (und selbst schlafend) eure empfindlichsten Stellen – beliebte Angriffsziele sind Zahnfleisch, Zunge, Nasenschleimhaut und die Bindehaut des elterlichen Auges.
Die kleinen Folterknechte entwickeln ihre Methoden kontinuierlich und erschließen sich nach und nach auch die Welt der Werkzeuge. So werden zum Beispiel mütterlicher Ohrschmuck/Piercings schlichtweg im Handumdrehen und völlig narkosefrei entfernt, die Eltern mit ihrem eigenen Halsschmuck nahezu erwürgt, die Anwendung der Daumenschraube wird perfektioniert und aus Spaß oder Wut (die Emotionen liegen nie wieder so nah beieinander wie in diesem Alter) wird sich schon mal auf Hals/Gesicht der Mutter gesetzt und dieses dann (wenn sie nicht im Pampers-Mief erstickt ist) mit der flachen Hand/dem Schneebesen unsanft bearbeitet.
Als wenn all dies noch nicht genug wäre, produzieren die süßen Wonneproppen zudem die grausamsten Gerüche, die schrecklichsten Geräusche, veranstalten die brechreiz-erregendsten Experimente und haben bei alldem immer ein unfehlbares Gespür für den besten Moment.
Unsere Mäusezähnchen sind erst 15 Monate alt, aber ich hab mir sagen lassen, es würde ,mit der Zeit nicht besser werden. Im Gegenteil sogar. Die Schmerzen und Strapazen für die elterlichen Sinnesorgane verändern sich zwar kontinuierlich, von Phase zu Phase wird aber das Eine durch das Andere abgelöst und Zeit zum Aufatmen gibt es kaum.  Oft macht man drei Kreuze vor Dankbarkeit darüber, dass ein „Sprung“ (wie es im Fachjargon so treffend heißt) geschafft ist und weiß noch nicht, dass man soeben vom Regen in die Traufe gekommen ist.
Und wenn die körperlichen Schmerzen allmählich nachlassen und die Erinnerung daran nach und nach verblasst, dann liebe Freunde, DANN, dann denkt man entweder über ein weiteres niedliches Baby nach oder aber/und die elterlichen Schmerzen wandeln sich erneut und werden zunehmend seelischer Art. Schmerzen beim Blick aufs Konto, Abnabelungsschmerz, Trennungsschmerz, durchwachte Nächte, weil das Kind das erste Mal im Ferienlager oder im Ausgang ist, ständige Kopfschmerzen, weil das Kind „da jemanden kennengelernt hat“, und, und, und… Ich werde darüber berichten, sobald ich etwas mehr aus eigener Erfahrung dazu sagen kann.
Sind wir Mütter/Eltern nun wirklich Märtyrer oder gar Masochisten oder schlicht der rein biologischen Arterhaltung unterworfen? Warum tun wir uns das alles (und noch viel, viel mehr) sonst eigentlich an? Die Antwort ist so simpel, wie befriedigend:
Ganz einfach: Weil wir – trotz Allem – unsere Kinder – über Alles - lieben.