Mittwoch, 6. Mai 2015

Von Kindern und Kaninchen (oder: Warum die Fernbedienung keine Knöpfe mehr hat)

Früher waren meine Mitbewohner drei Kaninchen. Sie hausten bei mir in der Wohnung und auf dem Balkon. Sie waren verrückt nach Kunststoff und nach Kabeln. Dieses Gefühl, wenn der Strom noch durch die Leitung fließt und sanft auf der Zunge prickelt muss unwiderstehlich sein.

Sie knabberten teils tellergroße Löcher aus dem PVC-Boden ohne einmal den gefürchteten Darmverschluss zu erleiden und kappten etliche Telefonleitungen, LAN-Verbindungen und Handyladegeräte, ohne jemals einem gefährlichen Stromschlag zum Opfer zu fallen.

Beinahe alle Kabel in der Wohnung waren in feinster "Zahn-Arbeit" abisoliert worden und abgesehen davon, dass ich persönlich mich eben schon vor dem unkontrollierten Kontakt mit Elektrizität fürchte, hatte ich auch die meiste Zeit keinerlei „moderne“ Verbindungsmöglichkeiten zur Außenwelt mehr.
Alle Schutz- und Sicherungsmaßnahmen wie Übertunneln, Umleiten und Verstecken schlugen fehl.

Die Wackelnasen waren nicht in ihre Schranken zu weisen und eroberten sich furchtlos die Welt der (meiner) Elektrogeräte.


In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert. Wir sind nun eine vierköpfige Familie: Mein Mann, meine Wenigkeit und unsere 14 -Monate „alten“ Zwillingsmädels. Die Langohren hingegen  verbringen ihren Lebensabend gemütlich bei meinen Eltern auf dem Land. Und trotzdem: Die Lage ist in Bezug auf die wohnungs-interne Technik irgendwie exakt dieselbe geblieben!
Unsere weltbesten Kinder können zwar noch keine drei Schritte „freihändig“ laufen, wissen aber, wie man den Fernseher einschaltet und in den Kinderkanal zappt! Mäusezähnchen 1 und Mäusezähnchen 2 pieseln zwar noch regelmäßig in ihre Pampers, können aber ohne fremde Hilfe die Stereoanlage bedienen und selbständig die Kinderlieder starten und auf eine ohrenbetäubende Lautstärke hochdrehen.

Neulich hat Mäusezähnchen 2 ungelogen vom mobilen Telefon von Oma und Opa aus, den Papa auf dem Handy angerufen! Zum Sockenanziehen hingegen braucht sie noch (viel) Unterstützung!

Ist das ein Phänomen des 21. Jahrhunderts? Haben sich die Prioritäten so stark verschoben? Ist das alles gut so und eine darwinistische  Anpassung, gewissermaßen ein „Survival of the Fittest“ im virtuellen Zeitalter? Oder haben wir als Eltern in der Erziehung etwa an einer bestimmten Stelle versagt?
Mäusezähnchen 2 kommt mit ihrem Kinn gerade mal auf die Sitzfläche von meinem Bürostuhl, setzt man sie sich aber auf den Schoß, bedient sie professionell die Computermaus, tippt ein paar Zeilen Nonsens und betrachtet voller Begeisterung Fotos von sich und ihrer Schwester am Bildschirm.
Die Kleinen bedienen den Powerknopf von Papas PC (zu dessen Bedauern leider im Minutentakt), aktivieren den Drucker, verschleppen notorisch sämtliche Handys und Fernbedienungen (womit wir wieder beim Zustand des Abgeschnittenseins von der Welt angekommen wären) und zitieren einen mit diktatorischen „Da! Da! Da!“ Rufen an sämtliche Lichtschalter, die sie gerne knipsen möchten.
Die Fernbedienungen, Handys und mobilen Telefongeräte kann man Großteils mit etwas Geschick und wachsender Erfahrung wieder zu Tage fördern. Entweder vom Grund des Ballbades schöpfen, aus den Tiefen des Prinzessinnen-Kuschelzeltes graben, aus diversen Spielzeugkisten fischen oder aus einem Mülleimer ziehen (Nein – bitte nicht wieder der Windeleimer!), im Kinderwagen (neben Bäckerei-Fachwaren) finden oder in einem der Betten (nachts piept es dann z.B. plötzlich unter Mamas Po).
„Hot Spots“ sind auch unterm Sofa (Oje, da schau ich lieber gar nicht erst drunter – das Telefon ist sowieso in bester Gesellschaft dort) oder in der Badewanne, Toilettenschüssel oder im (hoffentlich kalten) Ofen. Leider wird man meist nicht so zeitnah fündig, wie man die verschiedenen Kommunikationsmittel eigentlich benötigt hätte und oft sind eben auch die Batterien inzwischen restlos verbraucht.
Die Elektro-Engelchen sind so was von schlau – obwohl sie noch nicht mal „Kuh“ sagen können, wissen sie, dass ihre Milch fertig ist, wenn es in der Küche fünfmal piept, ebenso, dass der Baby Bel in dem Schrank zuhause ist, aus dem das Licht kommt und dass die Brötchen, die direkt aus der silbernen Maschine auf den Boden geflogen kommen, meistens ein bisschen zu heiß sind.
Alle unsere Steckdosen haben wir vorschriftsmäßig mit Kindersicherungen versehen – nichtsdestotrotz üben sie weiterhin eine magische (fast magnetische) Anziehung auf die Kleinen aus. Es ist so ähnlich wie mit den Kaninchen damals… Meinem „Dicken“ (einem mürrischen Widderkaninchen) habe ich damals zum vierten Geburtstag feierlich eine (Oh Freude!) Mehrfachsteckdose überreicht, die er eh schon so sehr mit Bissspuren verziert hatte, dass ich mich nicht mehr traute, sie zu benutzen.
Eine meiner besten Freundinnen dekorierte als kleines Mädchen einmal sämtliche Steckdosen im Haus mit Plastikrosen von der Schießbude, in jedes Loch steckte sie eine, um ihr Werk dann schließlich stolz ihrer Mutter zu präsentieren, die vor Schreck fast der Schlag getroffen hätte (im Gegensatz zu ihrer Tochter, die Gottseidank zumindest in dieser Hinsicht unbeschadet blieb).
Mit einer gewissen Erleichterung erinnere ich mich an den Kinder-Erste-Hilfekurs, an dem mein Mann und ich während meiner Schwangerschaft teilgenommen haben. Der Dozent versuchte uns besorgte Eltern davon zu überzeugen, dass Unfälle im Haushalt im Zusammenhang mit Strom völlig überschätzt und sehr viel seltener seien und glimpflicher ausgingen, als angenommen.
„Sein Wort in Gottes Gehörgang“, denke ich mir oft genug!