Samstag, 16. Mai 2015

Satz mit X


Die Ernährung des Kleinkindes ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Beim Neugeborenen/Säugling hingegen ist es recht einfach: Entweder er/sie/es (das Baby) nimmt die Brust oder nicht oder er/sie/es trinkt den Schoppen oder eben nicht.

Für diejenigen unter euch, die mich noch nicht (oder nicht so gut) kennen – natürlich finde ich es gar nicht einfach. Ja, auch ich saß da mit 30 ml frischer, mühsam handgepresster Mumi ca 45 Minuten und flehte das frühgeborene und längst selig schlummernde Mäusezähnchen 1 (damals noch ohne Zähnchen) oder 2 an, doch noch EINEN Milliliter zu trinken. Am besten einen Milliliter für Mama, einen für Papa, einen für die Zwillingsschwester und einen jeweils für beide Omas und Opas…

Alle Tipps und Tricks habe ich durchexerziert. Anfeuern, hüpfen, tanzen, Witze erzählen… Sogar die Massage der Gesichtsmuskulatur (der des Kindes natürlich, was dachten Sie denn?) zur Anregung des natürlichen Saugreflexes. Das war ein Spaß sage ich euch – ein Spiel für die ganze Familie!

Und war dieser Fingerhut voll Milch endlich im Kind (im besten Fall wurden beide Kinder synchron „abgearbeitet“, kam er entweder in einem Schwall retour oder es war schon wieder Zeit für die nächste Mahlzeit. Zum Verzweifeln.

Ab dem 5. Oder 6. Monat brachen dann paradiesische Zeiten an – die Herausforderung bestand für die Elterntiere und die kommenden Monate nur noch darin, lieferwagenweise handelsübliche Babynahrung in Gläschen heranzuschaffen, zu öffnen, erhitzen und abwechselnd in den Mund von Mäusezähnchen 1 und 2 zu schaufeln. Abends einmal mit dem Hochdruckreiniger durchs Wohnzimmer gegangen und alle waren glücklich und zufrieden.

Die beiden besten Babys der Welt ernährten sich für ein knappes halbes Jahr nach dem Motto: „Und als sie sich durch ein Obst-Gläschen, zwei Getreide-Breie,
3 Bananen, 4 Kartoffeln in Spinat und 5 Karotten, fein püriert, gefuttert hatten, waren sie immer noch nicht satt“ (Die Raupe Nimmersatt).

Damals bestand mein größtes Problem darin, die Express-Betankung und Akkord-Löffelei in einem angemessenen Tempo durchzuführen, welches eben nicht den Zorn von Mäusezähnchen 1 oder 2 heraufbeschwor – denn die Rache würde schrecklich sein. Und vielleicht noch die umfangreiche Spurenbeseitigung nach dem großen Fressen - die war auch ein wenig zermürbend so als stundenweise Freizeitbeschäftigung. (Wer macht sich schon gerne die Hände schmutzig?)

Wir machen nun einen Zeitsprung: Die Engelchen sind nun 15 Monate alt und zu Gourmets vor dem Herrn mutiert. Vorbei mit Raupe Nimmersatt. Der wunderschöne Schmetterling ist wählerisch. Und launenhaft. Und wonach er sich heute verzehrt, das könnte er morgen schon hassen. Das ist dann eben Pech für den Papi, der 200 Kindermenüs „Wildlachs mit Karottenstreifen“ gebunkert hat, weil die Augensternchen ja nichts anderes mehr essen wollten. Ar***-Karte für Mama, die in langen Nachtschichten die gesamte  Gefriertruhe mit Brokkoli- und Blumenkohlröschen in Bechamel-Sauce befüllt hat. Wer will denn SOWAS???

Ja, zum Dank fliegt der Mutter das Selbstgekochte dann mit Schwung an die Birne oder im besten Fall noch an die Wand, wo es unschöne Flecken hinterlässt. Actionpaintings à la Jackson Pollock. Da kommt Freude auf.

Phasenweise, so scheint es – leben diese Kinder nur von Luft und Liebe allein. Das kann Wochen so gehen. Und zwischendrin (man traut sich ja schon fast nicht mehr, ihnen mit „Essbarem“ unter die Nase zu treten, verdrücken sie dann völlig unerwarteter Weise einen riesigen Berg von was auch immer. Als müssten sie sich für einen laaaaangen Winterschlaf rüsten oder nach wochenlanger schlangenhafter Enthaltung mal wieder ein Kaninchen nachschmeißen. Man wird einfach nicht schlau aus ihnen.

Einst dachte ich, ich hätte die ganze Angelegenheit durchschaut. Die Gleichung schien mir simpel:
Essen speziell für Kinder (gesund, mild gewürzt, zuckerarm, ballaststoffreich, vitaminreich, lauwarm, leicht zu kauen, biologisch und hochwertig) = BÄH!
Essen für jeden AUSSER den Kindern (fettig, scharf, sauer, süß, hart, eiskalt, aromatisiert, nicht immer sehr gesund und natürlich) = SUPER – Wollen wir!

Der Versuch, die Mäusezähnchen zu überlisten und mit großer (vorgespielter) Begeisterung selbst über ihre Mahlzeiten „herzufallen“, in der Hoffnung, dass sie die Neugier (oder der Futterneid) schon noch packte, schlug fehl. Ebenso die Zubereitung ähnlicher Speisen in modifizierter Form, speziell für die kleinen Besseresser.

Neulich hat mir Mäusezähnchen 1 den kompletten Spargel (und das war eine richtige Menge) von der Pizza (ja, das gibt es tatsächlich zu kaufen – Spargelpizza, der Hit der Saison!!!) geklaut. Also dachte ich (ich müsste es besser wissen!):
Aha, Spargel beliebt dem Kind!

Heute kochte ich also eigens Spargelspitzen nebst Hollandaise, Reis, Champignons und breiten Bohnen. FAILURE! Ich konnte das liebevoll und zeitaufwändig (da vielseitig) gekochte Mahl anschließend vollständig und leicht deprimiert vom Boden und vom Papa klauben.

Die besten Kinder der Welt zogen es heute vor, sich von Käsewürfeln und Knabberbrezeln zu ernähren. Und zwar ausschließlich. Die Damen gedachten zu „snacken“, wie man so schön sagt.
(mit im Test waren: Milch, Joghurt, Ei, allerlei gesundes Obst und Gemüse, sowie oben aufgeführte Hauptmahlzeit)

Damit die Mädchen übrigens einmal die Woche Fisch (Hahahaha – sag ich nur und zwar aus Erfahrung) und 1-2 mal die Woche Fleisch bekommen, obwohl ihre Mutter eine militante Verweigerin des Tierkadavers jeglicher Zubereitung ist, habe ich mich heute nach „Feierabend“ (und nachdem ich mir reichlich Mut in Form von Prosecco mit Minze und Zitronenmelisse – ja, auch ich bin ein Gourmet – angetrunken hatte) an die Zubereitung einer Bolognese, speziell für die Mäusezähnchen (die noch keine Vegetarier sind) gemacht.

Das wunderbare und glücklich verschiedene Bioschweinsrind habe ich mit Ringlein aus Frühlingszwiebeln, mit allerlei feinen Kräutern, sonnengereiften Tomaten und noch mehr Liebe geköchelt und eigens den Papa zum Abschmecken in die Küche zitiert.

Es ist, nebenbei bemerkt, eine extreme Überwindung für mich, Hack anzubraten – dieser Moment, in dem es von rosa zu grau metamorphosiert, dabei aussieht wie ein püriertes Gehirn und riecht wie eine Tierkörperverwertungsanstalt – feeeeeeiiiiiiiin!

Wir werden ja morgen sehen, was mir die beiden kleinen Restaurant-Kritiker morgen an Wertungspunkten auf der Skala zudenken.
Es bleibt auf jeden Fall spannend...