Donnerstag, 7. Mai 2015

Die Grabsch- und Tatsch-Gesellschaft (auch: Finger weg von meinen Kindern!)

Es ist unfassbar, was man sich als „unmündiges“ und wehrloses Wesen von der Gesellschaft an Respektlosigkeiten bieten lassen muss. Oder auch als Mutter desselben.

Warum um Himmelswillen wird die Hälfte der Menschheit (es handelt sich hierbei zu 99,9% um Frauen zwischen 20 und 90 Jahren) zu grenzüberschreitenden und distanzlosen, baby-gierigen Hyänen, sobald ein halbwegs kleines und einigermaßen niedliches Kind in Sicht- oder Tastweite gerät?

(Oft beginnt das Phänomen ja sogar schon wesentlich früher, wenn man feststellen muss, dass der eigene (!) Babybauch plötzlich von allen Seiten befingert wird, wie der Wühltisch im Woolworth - von Leuten, denen man normalerweise nicht mal die Hand geben wollen würde!)

Wie kommen diese fremden Personen eigentlich auf die mehr als unverschämte Idee, ungefragt in anderer Leute Kinderwagen zu grabschen? Ist ein Kind nur weil es Kind ist „Kollektiveigentum“?

Was denken diese Leute sich? Denken sie überhaupt? Werden sie vom lieblichen Kindchen-Schema derartig überwältigt und ihre mütterlichen (?) Emotionen so hochgekocht und nachhaltig verwirrt, dass sie reflexartig nach dem fremden „Fleisch und Blut“ fassen und Nonstop - im besten Fall Schwachsinn, im schlimmsten Fall Impertinenz in Reinform  - von sich geben müssen?

Ich weiß es nicht. Und ich bin sicher: Ich werde es auch nie verstehen.
 
Genauso wenig wie ich meinem Vordermann bei Aldi in der Kassenschlange herzhaft auf den Po klatschen würde, nur weil dieser (der Hintern) formschön ist, könnte ich einem mir unbekannten Kind spontan in die Wange kneifen, nur weil es zuckersüß anzusehen ist.

Im Traum käme ich nicht darauf, im Wartezimmer vom Zahnarzt der freundlichen Dame neben mir die einladende Volumenwelle zu kraulen – ebenso wenig wie ich dem ungestümen Kleinkind, das uns am Spielplatz volle Granate in die "Sandburg" kracht, seine entzückenden, blonden Engelslöckchen verwuscheln würde.
Wo bleibt da bitte der Respekt? Die Würde? Der Anstand? Der Abstand?
Bei Passanten oder Fahrgästen des ÖV, die irre grinsend und mit ausgestreckten Armen auf jedes vierbeinige Wesen zurasen wie vom Affen gebissen (und vermutlich im gleichen Zuge von diesem auch mit Tollwut infiziert), um es zu tätscheln und zu streicheln, zu herzen und zu knutschen, kann ich bereits nur den Kopf schütteln.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, dem „Hund“ (denn darum handelt es sich im Regelfall, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick als solcher zu identifizieren), angeleinten Meerschweinchen oder Galapagos-Leguan (ja - Sachen gibt’s, die gibt’s fast nicht) telepathisch die Nachricht: „Fass!!! Beiss dem dreisten Vollpfosten jetzt bitte zumindest 2-3 Finger ab!“ zusende. Eher: Zubrülle! Wenn auch nur in Gedanken. (Und mit den drei Fingern tut sich das Meerschwein auch ein wenig hart, zugebenermaßen.)


Als ich ganz neu in der Schweiz war (also vor 16 Monaten etwa) und zudem fast zeitgleich auch ganz frisch gebackene Zwillings-Mama (vor knapp 15 Monaten), machte ich einige, mich sehr berührende und inspirierende Erfahrungen im Umgang mit der Gleichberechtigung von Babys, genauer gesagt: Neugeborenen, noch genauer gesagt: Frühgeborenen. Und zwar auf der Neonatologie des USZ.
Wenn ich von „Gleichberechtigung“ schreibe, meine ich das im Sinne von „Gleichheit“, „Gleichwertigkeit“, „Gleichbehandlung“ – dem, was also EIGENTLICH selbstverständlich sein sollte.

Nachdem ich, wie gesagt, zuvor weder tiefergehende Erfahrungen mit dem Schweizer Sozialsystem, noch der Moral und Ethik „des Schweizers an sich“ gemacht hatte und eben auch im „Mami-Business“ ein völlig unbeschriebenes Blatt war, war ich extrem beeindruckt, wie sehr das Krankenhaus-Personal (und zwar von der Putzfrau bis zum Chefarzt) darum bemüht war, die winzig kleinen, absolut hilf- und wehrlosen Patienten (teilweise 900 Gramm und kaum überlebensfähig) ausnahmslos AUF AUGENHÖHE zu behandeln!

Jedes Kind wurde mit so viel ehrlicher Würde, ernstgemeintem Respekt und vor Allem wahrer Menschlichkeit behandelt (und eben gar nicht wie ein armes, unmündiges und halbfertiges Würmchen!), dass ich wirklich absolut ergriffen und völlig begeistert war. Keines der Neugeborenen wurde ohne vorherige Ansprache aus seinem Bettchen gezerrt, kein Säugling wurde in Babysprache belullt. Wenn etwas Unangenehmes bevorstand, wie eine Impfung oder Blutabnahme, „entschuldigten“ sich die Schwestern und Ärzte vor dem „Pieks“ EXAKT in der gleichen Form, wie das auf den anderen Stockwerken im Spital im Umgang mit den Erwachsenen Patienten (auch das habe ich in der Schweiz erst kennengelernt) der Fall war.

Es geht mir hauptsächlich um die Einstellung, die hinter dem Handeln steht. Dass man sich nicht über jemanden stellt, weil man größer, älter, lebenserfahrener, vermeintlich „klüger“ und schlicht in der Lage zum „Darüber-Stellen“ ist. (Oder weil der andere – in dem Fall das Baby – abhängig und in einem in gewisser Weise ausgeliefert ist.) Das war eine wunderschöne Erfahrung für mich. Davon werde ich noch lange zehren und ich hoffe, auch meine Goldmädchen werden das ein oder andere Mal von diesem (meinem) „Aha-Erlebnis“ profitieren können.

Ich bin auf diese Geschichte zurückgekommen, weil sie für mich im krassen Gegensatz zu dem übergriffigen und groben Verhalten steht, das ich eingangs beschrieben habe. Dieses rücksichtslose „Sich einfach nehmen, wonach einem gerade ist“.

Noch heftiger und aggressiver als das - und die Persönlichkeit (von Mutter und Kind) extrem verletzend und missachtend, empfinde ich persönlich dieses „Einem das Kind aus dem Arm reißen“. Kennt ihr das? Dies wird meist von (engen) Verwandten oder Bekannten (oder solchen, die sich für „enge“ Verwandte oder Bekannte halten) „praktiziert“. Und das ist auch der Grund, warum man dem als Mutter oft so machtlos ausgeliefert ist. Gefühlt machtlos. Weil man sich nicht traut, sich dem entgegenzusetzen. Man kann nicht begreifen, wie jemand, der es angeblich gut mit einem meint, zu solch einer „Vergewaltigung“ (es ist tatsächlich eine, wenn auch „nur“ psychische Form davon) in der Lage ist.


Heute erst wieder passiert. Das Kind wird aus dem mütterlichen Arm gerissen: „Komm doch mal her zur netten Tante XY!“. (Mich beschleicht langsam das Gefühl, wir wären im Streichelzoo.) Das Kind reißt die Augen angstvoll auf, windet sich, fängt an zu weinen, brüllt schließlich, das Mutterherz blutet. Die Löwin in mir (der Mutter), die ihr Kind verteidigen und retten will, ist wie gelähmt. Erst nach schrecklichen 60 Sekunden (einer Ewigkeit) stammelt sie irgendeine dämliche Erklärung und erlöst endlich das erschrockene Kind aus der übergriffigen Umklammerung.

 Und die Mutter wird sich noch mindestens den ganzen restlichen Tag (eventuell auch ihr restliches Leben) dafür hassen, dass sie es nicht geschafft hat, sich rechtzeitig abzugrenzen. Dem Kind die Wahl zu lassen. Auf ihre innere Stimme zu hören. Die Signale ihres Kindes zu achten, bevor es zu spät war.
Die Bekannte in ihre Schranken zu verweisen. Sich dafür selbst verachten, dass sie sich durch unangebrachte Höflichkeit und falsche Angepasstheit daran hindern ließ, das Wertvollste was sie auf der Welt hat – ihr Kind – vor dieser Respektlosigkeit zu schützen. Ich bin traurig. Und ich schäme mich. Ich wünschte, ich wäre stärker. Wenn schon nicht für mich, dann wenigstens für meine Kinder.