Montag, 20. April 2015

Ausgespielt

Es ist an der Zeit, die unrealistischen, idealistischen Vorstellungen vom ausgewählten, hochwertigen, handgefertigten Qualitätsspielzeug über Bord zu werfen. Es hat mich zwar fast meine Ehe gekostet, aber ich sehe es jetzt ein.
Und zwar weil ich sowieso keinen Einfluss drauf habe.
Denn es bestimmen immer noch die Kinder, womit sie spielen wollen und womit nicht.

Praktischerweise sind ich in meinem „Versuchsaufbau“ sowohl die Testgruppe (Zwilling A), also auch die Kontrollgruppe (Zwilling B) sowieso dauerhaft präsent und auch Spielwaren der verschiedensten Kategorien, Preisklassen, Beschaffenheit, Funktionalität und Herkunft reichlich vorhanden.


Nach 14 Monaten intensiver Forschung und Beobachtung habe ich folgendes zu verzeichnen:

- Stecken Sie sich Ihr pädagogisch wertvolles Lernspielzeug aus Naturmaterialien ohne giftige Inhaltsstoffe am besten an den Hut!
Die waldorferprobten, TÜV-geprüften und fair getradeten Spielsachen sind was für Eltern. Und zwar exklusiv. Bestenfalls noch was fürs Regal oder fürs Posing beim Angeber-Fotoshooting. Oder für die Katz´. Aber selbst die ist in dieser Hinsicht nicht so leicht abzufertigen.

Angesagt ist stattdessen: billiger, nach Kunststoff stinkender – gerne auch elektronischer – aus China vom Papa (dem notorischen Einkäufer) importierter Schrott. Ja, Schrott. Sie haben richtig gelesen.

Je oller, desto doller. Je lauter, desto freu. Wir haben da unter Anderem eine Art „Lerncomputer“ für Einjährige, den ich gerne „die Epilepsie-Maschine“ schimpfe (nicht grundlos - sie blinkt in beängstigender Intensität und Frequenz), „die Höllenmaschine“ – einen vollautomatischen Roboter-Husky mit gruseligen Augen und einem Geräusch-Repertoire, das aus einem mittelklassigen Horrorfilm stammen könnte – allerdings in Dolby-Surround-Qualität (dieser Mist-Köter reagiert auch auf Bewegungen und Geräusche und hat mir schon mehr als einmal, bevorzugt nachts, mein Herz vor Schreck drei Takte aussetzen lassen), ein elektronisches Liederbuch (hat dem Papa wohl nicht so gefallen mein: „Guter Mond du ge-heeest so-hoo stiii-hille…“) und etliches, etliches, etliches mehr…

Bei manchen dieser Foltermaschinen verhilft ein mehrfach über die Lautsprecher-Rillen geklebtes Paketklebeband zur Schalldämpfung auf eine in Europa zulässige Lautstärke für Kinderspielzeug.
Wenn gar nichts mehr hilft, hilft nur noch: An der Autobahnraststätte aussetzen. Versehentlich.

Problem: Die Kinder lieben diese Sachen. Sie lieben sie wirklich. Auch wenn das Mutterherz (und –trommelfell) schmerzt. Die Kinder haben wahrscheinlich noch nichts von Reizüberflutung gelesen und wissen auch nicht, dass diese Art von Beschäftigung eventuell die Entwicklung ihrer Kreativität einschränken könnte usw. usf. Daher ist es auch nicht zu erwarten, dass diese oder ähnliche Probleme auf- bzw. eintreten werden. Amen.

- mit der Anschaffung eines Bälle-Bades tun Sie sich keinen Gefallen. Punkt!
Es sei denn, sie haben Freude daran, das allabendliche circa einstündige „Auf-dem-Bauch-durch- die-Wohnung-rutschen“ in ihr Fitnessprogramm zur Widerherstellung der vorschwangerschaftlichen Silhouette zu integrieren oder Ihrem Partner auf diese Weise körperlich wieder näher zu kommen – denn - Hey: Immerhin beschäftigen Sie sich intensiv miteinander!

- Alles doppelt kaufen, ist immer noch zu wenig.
Ursprünglich war ich mal der Meinung, „es wäre doch nett, wenn die Kinder Unterschiedliches geschenkt bekämen, man möchte doch die Individualität fördern – außerdem können sie dann tauschen und haben mehr verschiedenes zur Auswahl zum Miteinanderspielen“ – Pustekuchen. Pustetorte. Doppelstöckige Pustetorte.

Merke: Es ist IMMER – ausnahmslos IMMER - DAS besser und interessanter, was der/die andere gerade hat. Und: jedes Kind hat im Regelfall zwei Hände! Mein Mäusezähnchen Nr. 1  gibt sich ganz und gar nicht zufrieden, nachdem es Mäusezähnchen Nr. 2 (die Nummerierung stellt keine Wertung dar, beschreibt nur die übliche Reihenfolge von der Geburt bis hin zu dieser eben beschriebenen Aktion) das Objekt der Begierde entrissen hat. Gibt man MZ 2 nun nämlich zum Trost (das extra zur Vermeidung von genau diesen Spannungssituationen doppelt gekaufte) zweite Objekte, wandert es sogleich in die (Überraschung!) zweite Hand von MZ 1!

Und MZ 1 ist nicht dumm ("mein Schaaaatz!"), sie hat auch noch einen Mund – falls die Hände nicht mehr reichen. So begab es sich zum Beispiel, dass MZ 1  am Ende des „Versuchs“ mit DREI Nuckis versorgt war (in jede Hand einer, Mund) während MZ 2 immer noch untröstlich am Weinen war.

- Es gibt NICHT zu viel Spielsachen (außer zum Aufräumen)
Auch in diesem Punkt muss ich allen aktuell empfohlenen Ratgebern widersprechen.

- Spielzeug, das Ihrem Kind gefällt, erkennen Sie daran, dass es unhygienisch, klebrig, unappetitlich, verfärbt (oder entfärbt) ist oder anders mehrfach persönlich gekennzeichnet wurde. Sieht es aus wie neu, ist es kein Spielzeug sondern (siehe oben) eher was für Eltern, Regal, Katz´…
Beliebte, geliebte, kindgerechte Spielsachen sehen auch so aus! Sie sind ein Sammelplatz und eine Kontaktbörse für Bakterien. Gewöhnen Sie sich dran. Sie können es nicht ändern. Egal, wie sehr Ihnen graust.

- Und zum Abschluss noch: Wer gesagt hat, ein Kind brauche gar keine Spielsachen, es könne sich mindestens genauso gut (wenn nicht noch besser) mit Kochlöffel, Schneebesen, Bratpfanne und Co amüsieren, der hat GARANTIERT keine Zwillinge zu Hause!
Gibt man Zwillingen, die nebeneinander/miteinander agieren/interagieren oben genanntes oder artverwandtes Gerät zum „Spielen“ in die Hand, wünscht man sich spätestens nach 3 Minuten, man hätte im Kinder-Erste-Hilfe-Kurs besser aufgepasst.