Sonntag, 19. April 2015

Ohne Worte

Neulich bekam ich recht überraschend Besuch von einer ehemaligen Kollegin. Ich hatte sie über zehn Jahre lang nicht gesehen. Beruflich selbständig, kinderlos, sich auf alle denkbaren Arten selbst verwirklichend, sportlich, metropolitisch, modisch, party-affin und AUSGERUHT kam sie mir vor wie aus einem Paralleluniversum, eine Verkörperung all dessen, was mir fast schon fremdartig erscheint.

Dass dieser Eindruck auf Gegenseitigkeit beruhen sollte, stellte sich schneller heraus, als mir lieb war.

Nachdem sie sich einige Minuten lang einen groben Einblick in meine derzeitige Lebenslage und einen Überblick über das gesamte Schlachtfeld – genannt unser Zuhause – verschafft hatte, sowie meine beiden kleinen „Mitbewohner“ begrüßt (in seinem Buch „Das glücklichste Kleinkind der Welt“ bezeichnet Dr. Harvey Carp ebendiese durchgehend als „Höhlenmenschen“ oder gar „Neandertaler“, wenngleich auf eine liebevolle und wissenschaftlich halbwegs fundierte Weise), lässt meine frühere Kollegin völlig unbeeindruckt folgenden, völlig ernstgemeinten (für mich aber nicht minder folgenschweren) Satz fallen:

„Und hier spielt ihr also den ganzen Tag!“

Dieser eine, an sich belanglose Ausspruch ihrerseits hat mich in diesem Moment und auch nachhaltig derart aus der Fassung gebracht, dass ich ihn heute – etliche Wochen später – immer noch kontinuierlich in meinen Gehirngängen hin und her schwappe, in der Hoffnung auf eine sich dadurch bald einstellende Desensibilisierung meinerseits. Immunisierung.

Ich war so überrumpelt und baff (und bin es in der Tat immer noch), wie es einem Menschen gelingen kann, unter Einsatz von nur acht weitgehend bedeutungslosen Worten, zwei grundverschiedene Welten dermaßen heftig aufeinanderprallen zu lassen - eine Kluft zwischen zwei unterschiedlichen Leben derart drastisch darzustellen, dass ich wie vom Donner gerührt war.
Hirntot, wenn man so will. Keine Argumente mehr verfügbar. Alle Selbstschutzmechanismen vollständig deaktiviert. Zungengelähmt. Sprachlos. Kabel restlos gekappt.


Dieser emotionale Ausnahmezustand – oder besser: Notstand, veranlasste mich (wohl um die unglückliche Situation vollends auf die Spitze zu treiben) dazu, meiner ehemaligen Bekannten auf ihre simple Frage: „Und hier spielt ihr also den ganzen Tag“ unfassbarer Weise mit „Ja!“ zu antworten und mich sogar noch gemüßigt zu fühlen, anzufügen: „Aber weißt du, oft  treffen wir ja auch Freunde zum Kaffee trinken und Spielplatz.“

Ich könnte mich heute noch dafür ohrfeigen!!! Kam das jetzt wirklich aus meinem Mund? Das konnte doch nicht wahr sein! Bin ich ernsthaft der Meinung, mein Alltag mit den gut einjährigen Zwillingen bestünde aus „Spielen“ und im Café sitzen und plauschen?
Und möchte ich dieses – für einige Menschen sicher paradiesisch anmutenden – Bild meiner Mutterrolle tatsächlich so nach außen tragen? Ich bin von mir selbst geschockt. Mehr als das.

Ich überlege wann ich eigentlich das letzte Mal in Ruhe einen Kaffee getrunken habe, der mir nicht nur als Dopingmittel, sondern viel mehr als Genussmittel diente. Etwa vor 14 Monaten.
Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal den Kaffee am Tisch (!) sitzend (!) und ohne Unterbrechungen „genossen“ habe, OHNE die Tasse waghalsig hinter meinem Rücken jonglieren zu müssen, OHNE nach dem Konsum des besagten Heißgetränks den Boden feucht aufnehmen oder mich und oder die Kinder frisch einkleiden zu müssen, OHNE mir versehentlich die Hälfte der braunen Brühe in den Ausschnitt zu kippen oder den Mund zu verbrühen, weil ich mir nicht einmal die Zeit nehme, die Temperatur zu überprüfen und alle Sinne auf Umleitung geschaltet habe, um mir schließlich Stunden später den Rest des Wachmachers kalt reinzuziehen. (Soll ja sprichwörtlich wenigstens schön machen, auch wieder so eine Lüge). Vor ca. 14 Monaten. Wie gesagt.

Ich möchte nicht jammern. Ich will nicht undankbar erscheinen. Ich bin sogar sehr dankbar für die besten zwei Mädchen, die der Himmel mir jemals hätte schicken können. Ich wollte es einfach nur erwähnen.

Ok. Weiter im Text. Und wenn ich also nicht gerade Kaffee trinke, bin ich am Spielen mit den Kleinen. Den ganzen Tag. Habe ich wohl wirklich so gesagt. Klingt verlockend. Auch das muss ich mir nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Und Revue passieren lassen. Ich grüble…

WENN ich mich also tatsächlich den gesamten Tag über mit meinen beiden entzückenden Sonnenscheinchen in unserem gutbestückten Spieleparadies amüsiere – wie ich das von mir behauptet habe (oder zumindest in dieser Form bestätigt), warum – WARUM in aller Welt – fühle ich mich dann JEDEN EINZELNEN ABEND – man verzeihe mir bitte den Vergleich – wie der angegammelte, halbfeuchte Putzlappen, der seit Monaten hinter der Toilette gammelt?

Schlapp, ausgelaugt, unansehnlich, übelriechend, schlechtgelaunt (ok, das unterstelle ich dem Wisch-Mopp jetzt einfach mal), abgerieben, ausgewrungen, verbraucht und unappetitlich? Bin ich am Ende DOCH undankbar? Ich kreise um mich selbst. Das führt zu nichts. Aber irgendetwas ist falsch, das spüre ich. Diese Konversation hat mich voll aus dem Konzept gebracht, mich aus der Balance geworfen, an meinen Grundfesten gerüttelt, mein Selbstverständnis in Frage gestellt, meine Welt ins Wanken gebracht. Ach, ja-stimmt, ich wollte nicht jammern.

Ich ärgere mich über die unüberlegte und blauäugige Aussage der Kollegin. Aber woher soll sie es denn besser wissen? Kann sie ja gar nicht. Also ärgere ich mich lieber über mich selbst. Am stärksten muss ich mich über meine hirnamputierte Antwort aufregen. Wem will ich hier eigentlich was beweisen? Ich ertappe mich trotzdem dabei, mich im Geiste selbst zu beschwichtigen, zu rechtfertigen, mir Argumente zu Recht zu legen, die ich nie wieder werde anbringen können.
Dieser Zug ist abgefahren.

Wie immer fällt mir erst Stunden oder Tage später ein, was ich hätte entgegnen können in prekären Situationen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt wird mir niemand mehr zuhören. Sinnlos. Und trotzdem:
Der Beginn meines Tages (an dem ich hauptsächlich spielen und Kaffee trinken werde – wie jeden Tag, wie ihr wisst) kündigt sich gegen 07.30 an. Mit Walgesängen. (Die Walgesänge werden über das Babyphone vom Kinderzimmer ins Elternschlafzimmer übertragen.) Um beides werden mich zunächst viele (Eltern, wie auch Kinderlose) beneiden. Weder die Uhrzeit noch der Sound sind per se schlecht.

Eventuell befinde ich mich zu diesem Zeitpunkt allein im „großen“ Bett oder zu zweit, zu dritt oder viert. Das ist jeden Morgen anders und so bleibt eine gewisse Spannung erhalten. Langeweile im Bett sieht anders aus.

Im ersten Fall (bin alleine) habe ich „Darth Vader“ irgendwann zwischen 1.00 Uhr und 4.00 Uhr aus dem Ehebett verbannt und die Twins haben gut geschlafen. Im zweiten Fall habe ich mich „der dunklen Seite der Macht“ ergeben bzw. war zu müde um zu fighten oder – Ausnahmefall, hab ich heut Geburtstag oder was? – alles lief bei uns wie im IKEA-Katalog.


Im dritten und vierten Fall gab es nachts entweder *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „Zähne!“ oder eine handfeste Erkältung, schlimme Albträume, Langeweile, oder, oder, oder,… - ihr kennt das selbst. Und dann bin ich sehr, sehr müde. Das kommt sehr, sehr häufig vor. Und in diesem Fall lausche ich den Walgesängen im Halbschlaf ein bisschen zu lange. Ich lausche Ihnen dann bis sie zu einem ärgerlichen und fordernden Rufen anschwellen und schließlich zu wütendem Kreischen werden.

Dann geht es los. Mit massiven Schuldgefühlen meinerseits wegen der verspäteten Serviceleistung schleppe ich mich ins Kinderzimmer und mache ich mich an die Stinkbomben-Entschärfung. (Im Laufe des Tages werden noch bis zu 12 mehr oder weniger gefährliche Lieferungen an Biomasse bis hin zu Sondermüll mit Giftgasen zusammenkommen, die eigenhändig entsorgt werden müssen.) Parallel dazu gibt’s das Guten-Morgen-Lied. Rituale sind wichtig und machen Kinder stark. Notfalls trägt man die Lieder eben mit geschlossenen Augen und noch ungeputzten Zähnen vor, auch Kopfschmerzen sind kein Hinderungsgrund.

Nun: Die Prinzessinnen beknien, ob sie sich doch bitte etwas anziehen lassen würden. Unter Umständen. Vielleicht. Ausnahmsweise. Das kann dauern. Selbstbestimmung wird auch schon in ganz jungen Jahren ganz groß geschrieben. Man möchte ja auch nicht die Kinder in ihrer freien Entfaltung beeinträchtigen oder ihnen gar den mütterlichen Willen aufzwingen nur weil man selbst gerne eigentlich (wenn man schon nicht schlafen darf) irgendwann duschen (klappt erfahrungsgemäß gegen Mitternacht und lohnt sich dann auch erst richtig), sich anziehen, Kaffee trinken (da haben wir´s wieder! Luxusprobleme sag ich nur) und so weiter und so fort würde. Da muss man sich schon Zeit nehmen. Mal zwei.

Es kann also durchaus Mittag werden (Sorry, Postbote) bis die Mutter ihren Schlafanzug gegen Schlamper-Schlabber-Outfit Nummer 1- Nummer 5 (je nach Tagesform in der Reihenfolge von 1-5 getragen) eingetauscht hat. Mamas Look stört die Kinder wenig. Gottseidank wird sie bedingungslos geliebt. Mit oder ohne Flecken. Mit oder ohne Garderobe. (Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich selbst gut angezogen ein wenig besser fühlen würde. Leider nur für ein paar Minuten. Dann täte es ihr auch ebenso schnell wieder leid, dass sie sich zurecht gemacht hat) Ein paar gelegentliche Accessoires (zum Abzupfen, Ablecken und Ankauen) steigern allerdings den Unterhaltungswert der Mutter für die Kinder noch ein wenig.

Ich werde euch nun damit verschonen, die öden schnöden Grundbedürfnisse der Frau und Mutter aufzuzählen, die sich sowieso nicht mit der artgerechten Kleinkinder-Pflege vereinbaren lassen und bei näherem Betrachten sowieso völlig überflüssig sind. Ebenso möchte ich euch ersparen, den weiteren Tagesablauf genauso detailliert wie den Morgen weiter wiederzugeben. Wir sitzen eh im gleichen Boot. Und es wäre müßig. Und endlos. Und uferlos. Und frustrierend in weiten Teilen. Außerdem verliere ich den Faden im verzweifelten Versuch, den Gegenbeweis dafür anzutreten, dass ich nur kaffeetrinkend spiele bzw. spielend Kaffee trinke. Tag ein, Tag aus.

Langer Rede – kurzer Sinn: Ja, ich SPIELE wirklich immer wieder mit meinen Kindern. Mal 2 Minuten und mal 20 Minuten. Die Aufmerksamkeits-Spanne der Kinder beträgt im Augenblick (liebe Kinderlose) etwa 3 Minuten. Von daher passt ein Spiel ganz gut zwischen die Tätigkeiten (ja, es gibt sie wirklich!), die frau sonst noch so zu erledigen hat. Wir „lesen“ auch mal ein Buch. Mit 5 Seiten und 10 Wörtern. Oder backen einen Sandkuchen. Oder singen ein Lied. Natürlich. Und kuscheln. Aber wenn ich die Bilanz aus den allerallerallerallermeisten Tagen ziehe, an denen wir drei alleine zu Hause sind, ist es ernüchternd, wie wenig „Qualitätszeit“ doch übrig bleibt.

Die Worte, den meine Kinder am häufigsten von mir hören den lieben langen Tag sind: „Gleich“. Gleich“ und nochmal „Gleich“. „Gleich ist die Mama da“, „Gleich gehen wir spazieren“, „Gleich gehen wir ins Bettchen“, „Gleich gibt es Essen“, „Mama muss nur noch schnell dies“, „Mama muss nur noch schnell das“, „Gleich“., „Gleich“, „Gleich“, „Gleich“. Das ist so traurig. Es macht mich selbst total fertig. Aber so sieht die Realität eben aus.

An einem Tag mit Kindern zu Hause ist man eben nicht nur die, die mit den Kindern spielen darf, sondern ein multiprofessionales „Mutti-Funktionstalent“, das abwechselnd in die Rolle der Putzfrau (nach jeder Verköstigung mindestens eine halbe Stunde), des Müllmanns (unfassbar diese Abfallberge), des Zimmermädchens, des Seelsorgers (Tränchen trocknen), des Animateurs, der Krankenschwester (Heile, heile Segen), der Köchin, der Lehrerin, der Psychologin, des Diplomaten, des Logistikers, des Chauffeurs, des Mediums (Streit schlichten), der Telefonzentrale, der PR-Abteilung (Treffen abmachen, Kinderarzt), des Einkäufers, der Waschfrau (bis zu 3 Maschinen täglich), des Clowns, der Friseuse und tausend Funktionen mehr schlüpfen darf. Mal zwei, liebe Zwillingsmütter. Mama-Sein wird klar unterschätzt, liebe Kinderlose. In Umfang und Anspruch.

Wenn die Kinder ( – falls die Kinder –) dann endlich schlafen, könnt ihr noch gut 2 Stunden für die Spurenbeseitigung dranhängen und natürlich die ganze Nacht Bereitschaftsdienst. Auch am Wochenende. Aber wenn ihr Glück habt, ist ja zwischendurch mal ein Kaffee drin. Wenigstens.

PS: Die ehemalige Bekannte hat unser Aufeinandertreffen wohl ähnlich irritierend empfunden wie ich und hat sich seit dem nicht wieder blicken oder hören lassen. Hat halt doch jeder sein eigenes Leben. Aber vielleicht trifft man sich irgendwann wieder. Auf einen Kaffee oder so...