Freitag, 24. April 2015

Ich möchte keine gute Mutter sein


Ich möchte keine gute Mutter sein, wenn das bedeutet, dass ich mich im kontinuierlichen Wettstreit mit den anderen Müttern befinde und mich täglich
aufs Neue messen(lassen) und beweisen muss.

Gerne verzichte ich darauf, eine Vorzeige-Mutter zu sein, wenn ich der übermächtigen Liebe zu meinen Kindern nur in Form einer fünfstöckigen Eisprinzessinnen-Torten-Sonderanfertigung vom besten Konditor der Stadt (noch nicht mal selbst gemacht) Ausdruck verleihen kann.

(Dies führt meines Erachtens sowieso nur dazu, dass sich die anderen Mütter schäbig fühlen, weil sie ihr Kind nicht "fünf Kilo Marzipanmasse stark" lieben und dass einen im Gegenzug niemand mehr zu sich einladen möchte, bei dem einfach nur ein liebevoll mit Gummibärchen und Smarties verzierter Marmorkuchen auf dem Tisch steht.)

Es ist mir egal, keine gute Mutter zu sein, wenn diese zwar seitenweise aus der modernen Erziehungsratgeber-Kultur zitieren kann (und zitiert), ihre weibliche und mütterliche Intuition aber auf halber Strecke verloren hat.

Ich bin gerne eine schlechte Mutter, wenn das bedeutet, dass mein Kind auch zwei Nächte in Folge bei mir unter die Decke kriechen darf weil es Angst hat oder Grippe (oder etwas, was ich nicht verstehe) und ich nicht um jeden Preis meinen Prinzipien verteidigen muss.

Mir sind die guten Mütter unsympathisch, wenn sie sich gezwungen fühlen, das Haus standesgemäß nur mit einem Bugaboo verlassen zu können, anstatt auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten ihrer Familie einzugehen.

Ich bin keine gute Mutter und werde auch nie eine werden, wenn das impliziert, dass ich jeden Tag wie aus dem Ei gepellt (inklusive Make-Up, „Frisur“, „Fingernägeln“, neuer Garderobe und keinem verbliebenen Kilo zu viel auf den Rippen) vor meine Mitmenschen treten soll.

(Meiner Überzeugung nach gilt es Prioritäten zu setzen und wer sich dauerhaft auf den „Laufstegen“ in dieser Welt präsentiert, ist entweder eine beneidenswerte Naturschönheit oder muss die nötige Zeit an anderer Stelle abziehen.)

Ich bin stolz darauf, keine gute Mutter zu sein, wenn die Qualität meiner/unserer Kindererziehung danach bemessen wird, wie viele Fremdsprachen die Kleinen bereits in der Krippe lernen.

Ich will absolut keine gute Mutter sein, wenn das damit gleichzusetzen ist, dass ich meinen Kindern nur mit positiven Emotionen begegnen darf und Wut, Schmerz, Trauer und Angst verstecken muss.

Ich werde meinen Kindern kein „Heile-Welt-Gefühl“ vermitteln, wenn sie doch spüren, dass ich nicht authentisch dabei bin und wenn sie die vorgespielte „Heile Welt“ dann ein halbes Leben lang vergebens in der Realität suchen werden. Verzweifelt. Und sie werden danach suchen...

Ich lehne es ab, eine gute Mutter zu sein, wenn das inkludiert, dass meine Kinder mit drei Jahren schon den Terminplan eines Topmanagers haben müssen, um mit den Spielkameraden mithalten zu können.

Ich verachte die guten Mütter, bei denen sich die Spielplatz-Gespräche nur um die Fähigkeiten und Fortschritte ihrer Sprösslinge drehen. Gleichzeitig tun sie mir sehr leid. Es ist kein schönes Gefühl, ständig unter Zugzwang und Leistungsdruck zu stehen, beobachtet und beurteilt zu werden und gleichzeitig auch noch selbst in der härtesten Jury der Welt zu sitzen.

Ich scheiße darauf eine gute Mutter zu sein, wenn mein Kind dafür, noch bevor es eingeschult wird, drei handfeste (und schicksalsdefinierende) Mode-Diagnosen wie AD(H)S, Asperger, frühkindliche Bindungsstörung oder Neurodermitis braucht, nur damit die Mutter etwas zu problematisieren und zu erzählen hat. 

Ich distanziere mich ausdrücklich davon, mich über tatsächliche gesundheitliche Probleme „lustig“ machen zu wollen – ich habe riesigen Respekt und größtes Mitgefühl vor den und für die wirklich von Krankheit betroffenen Familien!

Es geht mir lediglich darum, dass man in zahlreichen Fällen zunächst auch einfach mal schlicht wahrnehmen, akzeptieren und berücksichtigen kann, dass das Kind gerne alleine spielt, einen etwas größeren Bewegungsdrang verspürt oder sensible Haut hat, OHNE gleich den Teufel an die Wand zu therapieren.

Ich bin nicht gern eine gute Mutter, wenn das heißt, dass ich meinem Kind nichts zutrauen kann und es nichts ausprobieren lassen darf wobei es sich verletzen oder erschrecken könnte, weil das sofort das Getuschel der besseren guten Mütter hinter meinem Rücken in Gang setzt, die sich darüber mokieren, dass ich wahlweise kein Verantwortungsbewusstsein habe oder völlig überfordert bin mit den Zwillingen.
Ich gebe gerne zu, eine schlechte Mutter zu sein, weil ich mich weigere, meine Kinder von vornherein (und ohne triftigen gesundheitlichen Grund) gluten-, lactose, - zucker, - und geschmacksfrei zu ernähren und ihnen somit jede Neugier, jede kulinarische Vielfalt und jeden Genuss strikt versage.

(Oft geht die allzu "gesunde", eingeschränkte Ernährungsweise ja sowieso übel nach hinten los, die Kinder bekommen eine unstillbare Gier nach dem "Verbotenen" und entwickeln eine regelrechte Essstörung, sobald sie nur endlich selbst über ihren Konsum bestimmen können.)

Ich pfeife darauf, eine gute Mutter zu sein, wenn ich dadurch meiner Umwelt kontinuierlich Rechenschaft schuldig bin darüber, was ich mit den Kindern unternehme, wie ich sie fordere und fördere und welche Fortschritte sie machen. Wenn ein auf der Couch oder im Spielzelt „verkuschelter“ Tag verlorene Zeit bedeutet und nur als Faulheit und Motivationslosigkeit meinerseits gewertet wird. („Die armen Kinder!“)

Ich bin sehr ungern eine gute Mutter, wenn ich am Spielplatz dafür sorgen muss, dass meine Kinder, die ihnen „zugeteilten“ zwei Quadratmeter zu keiner Zeit verlassen und um keinen Preis das Spielzeug der anderen Kinder oder gar diese selbst berühren!

Ich weiß nicht, ob es landestypisch ist, ob ich einfach nur Pech habe bei unseren Begegnungen oder viel zu romantische Vorstellungen in meinem Kopf herumgeistern. Jedenfalls finde ich es jammerschade und so wahnsinnig traurig für die Kinder.

„Geht ihr alle nur zum Spielplatz weil ihr zu Hause keinen Sand oder keine Schaukel habt?“, denke ich mir regelmäßig. Und weiß nicht, wie ich den Kindern meine Werte in diesem Umfeld vermitteln soll.
Wir lassen jeden mitspielen, wir lassen jeden etwas ausleihen (obwohl wir es meist nie wieder sehen), wir suchen Kontakt, wir lernen zu teilen,…

Und zudem: wenn man tauscht, hat man IMMER was Neues und Interessantes, was einen inspiriert… (Vielleicht muss ich mit meiner Einstellung in eine Kommune ziehen, scheint weltfremd zu sein. Wirklich schade.)

Ich würde mich dafür hassen, eine gute Mutter zu sein, wenn ich meine Kinder wegen ihrer Markenklamotten und -schuhe nicht planschen, klettern, kleckern, matschen und mantschen lassen könnte. Entweder - oder. Kinder oder sauber. Spaß und Entfaltung oder gestörtes Verhältnis zu „Schmutz“, „Körper“ & Co.

Ich möchte keine gute Mutter sein, wenn von mir verlangt wird, dass ich mich wegen meines ausgeleierten Bauches, meiner Geweberisse, meine Narbe und meines Gewichtes schämen und verstecken soll. Immerhin sind hier – in mir – die bezauberndsten kleinen Wesen der Welt herangewachsen! Ein doppeltes Wunder!

Die Messlatte: „9 Monate rauf, 9 Monate runter“ wurde vielleicht von Supermüttern so hoch gelegt. (Ich respektiere und bewundere das, obwohl ich in meinem Fall „7 Monate rauf, 14 Monate nichts runter“ nur davon träumen kann, in der angeblich „angemessenen“ Zeit wieder in Form gekommen zu sein.)

Und das, ohne irgendetwas oder irgendjemanden dabei zu kurz kommen zu lassen?  Nicht einmal sich selbst? Völlig Ironie-frei sage ich: Respekt!!! Ich schaffe das bislang nicht. (Und Zwillinge zu haben ist keine Ausrede)

Ich werde einmal genau wissen, dass ich eine schlechte Mutter gewesen bin, wenn ich mich – sobald meine Kinder erwachsen und aus dem Haus sind – selbst fragen muss, wo die gemeinsame innige und intensive Zeit geblieben ist, weil ich mich nicht daran erinnern kann, dass wir sie erlebt haben. Weil ich mich vielleicht dem Druck der Gesellschaft zu sehr gebeugt habe und deshalb mehr im "Außen" und für das „Außen“ gelebt habe, als meine Kinder in vollen Zügen zu genießen und Kind sein zu lassen.

Das wäre mit Abstand das Schlimmste!
Ich möchte keine gute Mutter sein, wenn ich vor lauter „Gute Mutter Sein“ zu sehr damit beschäftigt bin, eine gute Mutter zu sein.





Mäusezähnchen 1 und Mäusezähnchen 2 – ich liebe euch über alles in der ganzen Welt, im ganzen Universum und weit darüber hinaus. Ihr seid das Beste und Wunderbarste, was mir jemals hätte passieren können! Und obwohl ich so weit davon entfernt bin, eine perfekte Mutter zu sein, habt ihr mich ausgewählt. In tiefer Dankbarkeit und Liebe, eure Mama.