Freitag, 17. April 2015

Bissfest

Zähne sind eine feine Sache. Wenn man sie hat. Und wenn man sie bekommt noch mehr.

Im ersten Fall sind die Zähne eher dem Kind dienlich. Es könnte die Nudel oder das Pommes theoretisch jetzt erst einmal durchbeißen, bevor es sie herunterwürgt. Es kann jetzt die Shampoo Flaschen im Badezimmer der Reihe nach unter Einsatz der unteren Schneidezähne „aufhebeln“ und einen Schluck von jeder Geschmacksrichtung probieren.
Es kann seine Missgunst damit ausdrücken und beispielsweise buchstäblich die Hand beißen, die es mit Spinat-Pampe (Achtung: Klischee) füttert. Es kann seine unverkennbare Signatur im Türrahmen oder Papas Nase hinterlassen oder die Post vor der Abheftung lochen. Es kann bezauberndst lachen und seine schneeweißen Beisserchen auf einem Foto so blitzen lassen, dass selbst Naddel mit ihren schleimigen Veneers vor Neid erblassen würde.
Es kann schaurige Geräusche mit dem Nuggi veranstalten und die Mama damit die Wände hochjagen. Es kann sich jetzt in Dinge (wahlweise Personen) von denen es nicht getrennt werden möchte, buchstäblich verbeißen. Es kann sich effektiv gegen Rivalen in der Krabbelgruppe zur Wehr setzen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Das Zähne bekommen ist ebenfalls eine feine Sache. Und zwar in erster Linie für die Eltern. Die haben nämlich für jedes unerwünschte Verhalten und jedes Symptom ihres Kindes (und zwar vom Neugeborenen bis zum Kindergartenkind) eine prima Ausrede, respektive Erklärung und zwar: *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne!“.

Ohne Zweifel ist das Zahnen ein extrem schmerzhafter und langwieriger Vorgang, den ich hier keineswegs herunterspielen möchte. Die Kinder leiden wirklich Höllenqualen und werden viel zu häufig von ihren Eltern „missverstanden“ in ihrem Unmut! Und manchmal leiden die Eltern sogar noch viel mehr als ihre Schützlinge.

Nichtsdestotrotz sind *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ NICHT dafür verantwortlich, wenn der Papa am Freitagabend fünf Feierabendbier zu viel hatte und Samstagmorgen durchhängt. Ebenso wenig sind *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ schuld, wenn der Wellensittich tot vom Stangerl kippt, der letzte Parkplatz der Mama vor der Nase weggeschnappt wird, die Oma plötzlich Hämorriden bekommt oder die Mietpreise steigen.


Die meist fadenscheinige weil völlig aus dem Blauen gegriffene Feststellung *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ erinnert mich stark an meine Mutter (Sorry dafür, Mama!!!), laut deren Aussage ich mich über 10 Jahre lang in der Pubertät befand.  
*Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Pubertät“  begleitete mich vom 10. Lebensjahr an bis gut zur Vollendung des 20. ten.  Sie war eine Entschuldigung für alles, was das Kind, respektive ich, tat oder eben nicht tat.

Gegen *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ hat jede Mami IHR Patentrezept. Das einzige, was wirklich hilft! Und jede teilt das gerne mit jedem der gerade *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ bekommt. Oder eben auch nicht. Und jedem der es hören will. Oder eben auch nicht.

Denn was Mütter (vor allem Mütter) nur extrem ungern hören ist, dass es noch eine Million anderer plausibler Gründe für das Unleidig sein und die Unpässlichkeit seitens ihrer Sprösslinge gibt und sie (die Mütter und Väter) absolut nicht immer völlig ohne Anteil daran sind.

Die Gegenmaßnahmen gegen *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ reichen von esoterischen Accessoires wie Bernsteinkettchen (neulich war in den Nachrichten zu hören, das sich ein Kind um ein Haar im Schlaf damit stranguliert hätte), Veilchenwurzeln und hochpotenzierten Zuckerkügelchen ohne Zucker – erhältlich in jedem Hexen- und Zaubereibedarf (mit dieser Aussage handle ich mir nun garantiert einen Shitstorm ein), über handelsübliche Gefrier-Akkus, Fischstäbchen und Holzbausteine bis hin zu starken Schmerz- und Fiebermitteln, vor deren Anwendung die Not schon wirklich groß sein sollte, da das von *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ geplagte Kind, dann nicht nur *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ nicht mehr so sehr spürt, sondern sonst auch gar nimmer viel mitkriegt.

Ich möchte mich hier keinesfalls lustig machen über die verzweifelten Versuche aller Eltern, den Schmerzen ihrer Lieblinge mit aller Macht das Handwerk zu legen, um ihren Kindern so gut wie möglich zu helfen. Meiner Meinung nach sind *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ aber etwas Natürliches, etwas Gutes und durchaus Praktisches (siehe oben) und das beste Heilmittel gegen *Seufz* vielsagende Pause * Augenroll* „die Zähne“ immer noch Geduld, Spucke und viel Liebe.

Manchmal hilft es eben nur, die Zähne für eine Weile zusammen zu beißen.